Liebe ist ein Wort aus dem dekadenten Westen

Leon de Winter zum Unicef-Bild des Jahres:

Es gibt Menschen, die dieses Bild ansehen und einfach weiterleben können. Ohne Ekel, Brechreiz und Wut. Was wir sehen, ist heftigste Barbarei. Aber ein leichtfertiger kultureller Realitivismus – der in unserer Zeit die Erscheinungsform dekadenter Gleichgültigkeit angenommen hat – lässt viele Menschen wegschauen. Sie wenden sich ab von dem Anblick eines 11-jährigen Mädchens, das von dem Mann, der neben ihm sitzt, vergewaltigt werden wird.

Was wir auf diesem Foto sehen, ist ein nackter Blick auf die kollektive Vergangenheit der Menschheit, auf den Horror unserer brutalen Natur. Liebe, Zärtlichkeit, Schönheit, Individualität und Respekt sind Phänomene, die wir unserer Natur aufgezwungen haben – in welcher seit jeher nur die Stärksten überleben und die wir in unserem westlichen Bewusstsein zuversichtlich und erfolgreich unterdrückt haben. Dieses Bild zeigt einen kleinen, gewöhnlichen Moment, der keinen Taliban überrascht – er wird in unseren Augen besonders.

Ich denke, es gibt Kulturen, die rückwärtsgerichtet sind. In einem Zeitalter der Political Correctness ist dies ein verzwicktes Statement. Aber ein anderes Statement kann über dieses Bild nicht gemacht werden. Wir sehen einen rückwärtsgerichteten Mann, der nimmt, was er gekauft hat.

Den ganzen Artikel lesen

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Google Bookmarks

5 Antworten auf “Liebe ist ein Wort aus dem dekadenten Westen”


  1. 1 lysis 20. Dezember 2007 um 10:34 Uhr

    Ist der Kindersextourismus nach Thailand, die Bestellung thailändischer Frauen aus dem Katalog oder der Menschenhandel im hiesigen Prostitutionsgewerbe auch „rückwärtsgerichtet“? Oder kommt dieses Wort nicht in Frage, weil die Täter ja schließlich Leute vom zivilisatorischen Format eines Leon de Winter sind?

  2. 2 tousetrien 20. Dezember 2007 um 14:00 Uhr

    Hi Lysis,

    das ist eine gute Frage. Darüber werde ich die Feiertage mal nachdenken, wobei ich dir auch bereits jetzt schreiben kann, das das eine durch das andere kein Stück akzeptabler wird.
    Aber erstmal Frohes Fest, bis hoffentlich nächstes Jahr, bin erstmal weg hier

  3. 3 Neoprene 20. Dezember 2007 um 15:16 Uhr

    Ja, das eine wird durch das andere kein Stück akzeptabler. Was mich aber regelmäßig bei solcher Ein-Punkt-Empörung stört, bzw. manchmal auch ärgert, ist diese verdammt selektive „Humanität“ die sich damit eigentlich selbst schon wieder entwertet. Jedenfalls dann, wenn es nicht nur ein erstes Empören über einen letztlich beliebigen Aufhänger ist. was ja zumindest häufig nicht falsch ist, sondern daß stromlinienförmig politisch konforme Unterfüttern eines ganz anders begründeten politischen Urteils.

    Erst wenn man anerkennt, daß eigentlich die ganze Geschichte erst die Vorgeschichte der Menschheit war und ist, wird man dem meines Erachtens erst gerecht.

  4. 4 lysis 20. Dezember 2007 um 16:39 Uhr

    Es geht doch nicht darum, ob etwas durch einen Vergleich besser oder schlechter wird, sondern um die Gegenüberstellung „rückwärtsgewandt/barbarisch“ vs. „fortschrittlich/zivilisiert“! Da ist ja ein Vergleich schon längst impliziert, nur ohne dass wirklich verglichen wird. Stattdessen geht’s darum, die schlechten Herrschaftsverhältnisse im imperialistischen Feindstaat an den „gelungenen“ Verhältnissen hier zu blamieren. Und das Ganze eben mit dem schönen ideologischen Zweck, dem eigenen Staat das Recht des „zivilisatorisch höher Stehenden“ auf militärisches Eingreifen zu geben. Kenn wa schließlich seit der Debatte über Witwenverbrennungen in Indien.

  1. 1 White men saving brown girls // Lysis Pingback am 22. Dezember 2007 um 3:14 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.