Die Natur muss weg

Aus der Einleitung der neuen Phase 2 zum Schwerpunkt ‚Die Natur muss weg‘:

Über dreißig Jahre ist es jetzt her, dass der Club of Rome seinen Bericht über die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und seine daraus folgenden Prognosen vorstellte und damit die kapitalistische Welt schockte. In den achtziger Jahren folgten weitere Endzeitszenarien wie Waldsterben, fischlose Meere, Wassermangel und Ölkriege. In Anschluss an die Tschernobyl-Katastrophe wurden zahllose Schulkinder mit Büchern über nukleare Katastrophen traumatisiert.

Einige der Endzeitszenarien sind inzwischen eingetreten, und bei den Debatten um »Klimawandel«, »Nachhaltigkeit« und »Umweltschutz« ist kein Ende abzusehen. Die Vorzeichen scheinen sich jedoch ebenso verändert zu haben wie die gesellschaftliche Verortung derjenigen, die die Debatte führen. An Stelle der zumeist technologiefeindlichen Untergangsstimmung früherer Jahrzehnte ist heute Technikoptimismus getreten. Zwar wird immer noch allseits vor der weltweiten Katastrophe – derzeit im Segment »Klima« anstehend – gewarnt, aber immer mehr setzt sich auch die Vorstellung durch, dass sich eben diese Katastrophe mit politischen und technischen Mitteln verwalten und in erträgliche Bahnen lenken lässt. Vor allem aber ist das Bild der Mahnenden nicht mehr von alternativ-ökologiebewegten BirkenstocksandalenträgerInnen geprägt. Die ProtagonistInnen der Debatte sind viel mehr arrivierte WissenschaftlerInnen, die Gehör quer durch alle politischen Parteien finden und die eines allzu romantischen Naturverständnisses eher unverdächtig erscheinen. Die Rettung der Welt vor den Menschen für die Menschen ist Chefsache geworden. Auf dem G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm versuchten sich die versammelten Regierungschefs den Rang abzulaufen, wer denn nun der/die »grünste« sei.
Zunehmend erscheint das Projekt »Naturschutz« dabei als kompatibel mit Fortschritt, sogar als untrennbar mit ihm verknüpft – seien es Solarzellen, alternative Energien oder agroindustrielle Kraftstoffe. Das Wirtschaftswachstum kann, zumindest in der Vorstellung der Freunde neuer Ökotechnologien, eigentlich unbegrenzt weitergehen, solange nur »nachhaltig« produziert werde. Der Sorge, das stetige Wachstum könnte durch den Verschleiß natürlicher Grundlagen gefährdet sein, wird mit der Hoffnung begegnet, dass genau dieses Wachstum zur Erneuerung der Grundlagen beiträgt. Insbesondere Deutschland präsentiert sich dabei nach Außen wie nach Innen als fortschrittlich-ökologische Vorbildnation. Als Klimasünder Nr. 1 gelten dagegen spätestens seit ihrer Weigerung, sich dem Kyoto-Protokoll zu beugen, die USA. Es ist kaum zu übersehen, wie sehr Ökologie und Klimaschutz inzwischen zum moralischen Kapital in der Staatenkonkurrenz geworden sind. Ganz unabhängig von wissenschaftlichen Gutachten, dem Realitätswert von Katastrophenszenarien und der Einführung von Dosenpfand erweist sich der derzeitige Klimadiskurs dabei – wie zu erwarten – insbesondere als antiamerikanischer, der weit mehr auf dem Stereotyp von einer US-Wegwerf- und Fastfood-Gesellschaft beruht als auf einer wie auch immer gearteten ökologischen Faktenlage. So wird die Welt in der internationalen Standortkonkurrenz zunehmend in ökologisch besonnene Modernisierer wie Deutschland und unersättliche Klimasünder aufgeteilt, zu denen neben den USA oft auch China und aufsteigende Schwellenländer gerechnet werden. Die gemeinschaftsbildende ideologische Kraft der Sorge um die Umwelt ist eben groß, und unter dem »globalen« Projekt des Umweltschutzes schimmert, insbesondere in Deutschland, das nationale Projekt des »Heimatschutzes« bei gleichzeitiger Sicherung der eigenen Konkurrenzfähigkeit durch.

Sehr zu empfehlen sind außerdem die neuen Ausgaben von bonjour tristesse und Prodomo.

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