Die Berliner Republik unter den Fußballvereinen

Andreas Reschke in der leider letzten Ausgabe der Bonjour Tristesse:

Die gern bemühte Floskel, dass es sich beim „FC St. Pauli“ um „mehr als nur einen Fußballverein“ handelt, ist also unfreiwillig richtig. Die Fanszene vereinigt in sich all das, was das neue – das heißt: linke – Deutschland ausmacht. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus klassischem Linksaktivismus und einem längst im Mainstream angekommenen linken Gefühl. Der Antifaschismus des „FC St. Pauli“ ist angesichts der faktischen Absenz von Nazis am „Millerntor“ lediglich Ausdruck eines reinen Gewissens; der Verein eine Wehrgemeinschaft gegen einen Feind, dessen Hässlichkeit umso massiver beschworen wird, je ähnlicher er einem selbst ist. Der „FC St. Pauli“ ist damit die „Berliner Republik“ unter den deutschen Fußballvereinen. Er ist die vereingewordene Zivilgesellschaft; die gemeinschaftliche Abwehrfront gegen Rechts, in der eigene, den Nazis nicht unähnliche Ressentiments (gegen die Moderne, gegen das Kapital, gegen Nestbeschmutzer usw.) einerseits gepflegt werden können; und in der diese andererseits auf im eigenen Stadion nicht existente Nazigruppen extrapolarisiert werden. In dieser Eintracht lässt man sich nicht dazwischen reden; man fühlt sich wohl – und so soll es am liebsten auch für immer bleiben.

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1 Antwort auf “Die Berliner Republik unter den Fußballvereinen”


  1. 1 Meckermaul 18. Februar 2012 um 20:08 Uhr

    Oder, wie es Anselm Kiefer einst etwas eleganter auf den Punkt brachte: „Man kann nicht in einer Zeit, wo es nicht viel kostet, anti zu sein, für sich ein Wort in Anspruch nehmen, was nur Sinn macht in einer Zeit, wo es das Leben gekostet hat, antifaschistisch zu sein.“

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